Wenn sich Wessis und Ossis begegnen

GCL in Chemnitz, der Kulturhauptstadt 2025

Von Mittwoch bis Sonntag (27.5.-1.6. 2025) waren wir aus dem Westen Deutschlands Gäste im Osten, in Chemnitz, der diesjährigen Kulturhauptstadt. Die erste Überraschung war, dass sich dort im Planen des Kulturprogramms eine Kulturkirche entwickelt hatte, die das Programm mit einer spirituellen Dimension erweitert.
Wir entdeckten, dass die Kirche dort, ganz organisch an der Seite des weltlichen Geschehens lebt und wirkt, unaufdringlich und in der Überzeugung, dass Gott im Leben der Stadt zu finden ist. Erfahrungen der Gegenwart Gottes müssen und können nicht erzeugt, sondern dürfen entdeckt werden, dazu wollen die Christen dort beitragen.  Zum Leben der Stadt Chemnitz gehört die Geschichte, die zeitweise aus Chemnitz Karl-Marx-Stadt machte, die nach 1989 nicht mehr Teil der DDR, sondern wieder Teil der BRD war und erlebte, dass es die meisten Menschen von außerhalb zuerst nach Dresden oder Leipzig, Erfurt oder Berlin zieht. Wer will schon nach Chemnitz? Wir wären sicher auch nicht dorthin gefahren, hätte uns nicht die GCL der Region Dresden-Meißen-Görlitz zu diesem europäischen Treffen eingeladen.
Wir spürten, wie sehr es diese Menschen schmerzt, sich immer wieder übersehen oder abgehängt zu empfinden.  Im Titel des Kulturprogramms „C- the unseen“, der mit Chemnitz, die Ungesehene übersetzt werden könnte, spiegelt sich diese Verletzung auch wieder.
Die Planenden des Programms für dieses Jahr im Kontakt mit den Kirchen haben es gewagt, diese Verletzungen, Brüche und Enttäuschungen nicht zu verstecken, sondern zu zeigen.
Dabei konnte auch deutlich werden wie kreativ die Chemnitzer mit ihrer Situation umgehen:
In aufgestellten Umkleidekabinen können wie in einem Bücherschrank Kunstwerke hinterlassen oder mitgenommen werden;
Garagen, vor denen Musik gemacht wird am Stadtrand oder im Wohnviertel, ganz unkompliziert – und wer will, bringt Stühle oder stellt Bänke
In einem alten ausgedienten Gasthof können Kinder und Familien ungebremst kreativ werden, Ideen und Träume spinnen, mit anderen staunen und aktiv werden, Wunder hervorbringen…
Wenn das nicht von Gottes Schöpfergeist zeugt! Man könnte „C – the unseen“ ja auch deuten als C wie Christus – der Unsichtbare, Verborgene.
Am Tag nach unserer Anreise konnten sich die 120 Teilnehmenden in kleinere Gruppen aufteilen und wurden von Einheimischen durch Chemnitz geführt an bemerkenswerte Orte.
Am nächsten Tag hatten wir wieder die Wahl zwischen verschiedenen workshops  - unter anderen:  pilgernd unterwegs; Straßenexerzitien; ein Stadtviertel mit Wessi-Augen sehen, die schon 10 Jahre hier leben; namenlose biblische Frauen und eine aus Chemnitz kennenlernen;  Wort und Musik; Betrachtung zur Chemnitzer Kunstsammlung;
Lebensgeschichte eines Christen in Karl-Marx-Stadt – ein Spagat zwischen Anpassung und Aufrichtigkeit oder zwischen öffentlichem und religiösem Leben oder zwischen Misstrauen und Gemeinschaft.
Eine dritte Botschaft kann dem Titel entnommen werden, wenn er ausgesprochen wird:
See – the unseen! Schau und entdecke das Unscheinbare oder den Unsichtbaren.  Ganz ignatianisch: Gott suchen und finden in allem, und speziell hier in dieser Stadt.
Zwischen den „Ausflügen“ durch Chemnitz, kehrten wir immer wieder zurück in die Kirche und das Gemeindehaus von St. Johannes Nepomuk, wo wir wohltuend mit leckeren Speisen und Getränken versorgt wurden, uns im Garten ausruhen oder mit anderen austauschen und die Erlebnisse vor Gott tragen konnten.  
Wir genossen eine große Gastfreundschaft und Fürsorge durch die Menschen, die hier in der GCL oder einfach als Christen verbunden sind. Beim Abschied wurde nochmals deutlich wie dankbar wir einander waren: wir Gäste für diese Einblicke in die Lebenswelt im Osten und die Gastgebenden, dass wir uns zu ihnen auf den Weg gemacht hatten räumlich und auch innerlich.
 
Text: Ingrid Jutz